Digitalisierung provinziell

Sun, 16. Oct 2022

Categories: de Tags: Digitalisierung Traunstein

Letzte Woche gab es hier in Traunstein zwei Ereignisse, die oberfl├Ąchlich betrachtet nichts miteinander zu tun haben aber doch in Verbindung stehen. Nicht nur weil sie exakt denselben Ort betreffen, eine Halle am Bahnhof.

Es ist dies der Abri├č der ‘G├╝terhalle’ und die Er├Âffnung des Studiengangs ‘E-Commerce’ am ‘Campus Chiemgau’ (der zum Platz der G├╝terhalle ziehen soll) in der Stadt, in der die Eisenbahn vor 100 Jahren ein zuvor 300 Jahre lang florierendes Gesch├Ąftsmodell beendet hat. (Nat├╝rlich lief das ohne fossile Energie, war ‘enkeltauglich’ und nachhaltiger als alles was nachkam.)

Doch zun├Ąchst einmal zum Abri├č der G├╝terhalle. Sie war einmal Lager beim G├╝terumschlag von und zur Bahn. Bevor LKWs diesen Transport komplett ├╝bernommen haben. G├╝terverkehr per Bahn ist in Traunstein heute nicht mehr zu sehen. Wenn diese Hallen nicht mehr gebraucht werden, hei├čt das, die Tonnage wird anders bewegt ÔÇô also per dieselgetriebenem LKW. Und zwar nicht nur vom Bahnhof zum Ziel, sondern wesentlich weitere Strecken ÔÇô nicht erst 2022 ein Unding.

Doch was soll nachkommen? Eine Idee vermittelt vielleicht, womit sich der Hochschulstandort Traunstein befassen soll:

“Aus- und Weiterbildungsangebote mit dem Themenschwerpunkt Digitalisierung”[1] schreibt die Hochschule selbst und “Online-Shopping, Online Marketing, K├╝nstliche Intelligenz”[2] schreibt Christine Haberlander vom Bayerischen Rundfunk.

Das sind die ├╝blichen Stichworte zur Besch├Ânigung, wenn Digitalisierung nichts produziert und keine Aufgaben l├Âst, sondern verwaltet und viel (Online-Shopping), sehr viel (Online-Marketing) oder sogar immens viel (KI) Energie dazu verbraucht.

Mit Online-Marketing ist schlicht Werbung mit Beschn├╝ffeln und kommerzieller Rasterfahndung gemeint. Stickwort Real-Time-Bidding.

Die ganzen online geshoppten G├╝ter werden dann per LKW her- und ggf. wieder zur├╝ck gefahren.

Das sind Visionen kleinster Kragenweite, hochgradig abh├Ąngig von Konsum, billigem Transport und billiger Energie, ein ungebremstes ‘weiter so!’. Sie nehmen keine Herausforderung der realen Gegenwart an, sondern fl├╝chten in eine online Scheinwelt und verweisen auf ein obsz├Ân primitives Gesellschaftsbild. Consumo ergo sum.

N├╝chtern betrachtet ist diese Realit├Ątsverweigerung bereits heute schon nicht mehr m├Âglich.

Das Handwerk wie Service und der soziale Sektor leiden an krassem Personal- und Nachwuchsmangel, das Vereinsleben verk├╝mmert. Das Artensterben und die soziale Verarmung haben dramatische Ausma├če angenommen.

Doch Online-Shopping, Online-Marketing und KI wird Handwerk, Pflege oder Vereinen nicht helfen.

Das ist aber was gebraucht wird. In der Realit├Ąt, von Menschen, vor Ort, ├╝berall.

[1] https://www.th-rosenheim.de/die-hochschule/standorte/campus-chiemgau/
[2] https://www.br.de/nachrichten/bayern/traunstein-soll-mit-campus-chiemgau-hochschulstandort-werden,TJwzh0R